Wenn Flachlandeier versuchen Bergziege zu spielen
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Nach dem Rennen - Glücklich sieht anders aus |
Es ist schon ein paar Tage her, als sich Maximilian und Michaela in das Abenteuer Europa-meisterschaft der Seniorenklasse stürzten und so langsam ist auch das Wundenlecken beendet, dennoch soll hier, wenn auch verspätet, ein kurzer Einblick in die Leiden der zwei Flachländer gegeben werden.
Guter Dinge packten beide am Dienstag ihre Sachen, um Mittwoch in aller Frühe aufbrechen zu können. Maximilian war mit leichtem Übergepäck unterwegs, denn das noch frische Selbstvertrauen von der nur drei Tage zurückliegenden Deutschen Meisterschaft der Senioren, bei der er einen guten 17. Platz von ca. 80 Startern ab 60 Jahren erringen konnte, wog einiges. Michaela hingegen nahm schwere Beine mit nach Tschechien, denn eine 580-km-Woche mit einigen Auffahrten zum Berliner Berg in Freienwalde lagen hinter ihr. Nach fast 8 Stunden Fahrt inkl. einiger Umwege und Picknickpausen kamen wir endlich in Zdár nad Sázavou, auf etwa 700 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, an. Das Hotel unserer Wahl sah von außen eher traurig aus. Ein riesiger, trister Betonblock aus längst vergangener Zeit sollte unsere Herberge für die nächsten Tage sein. Von innen versöhnten die Zimmer. Renoviert und mit einem wirklich geräumigen und schönen Bad wartete der sanierte Trakt auf. Also erst einmal unter die Dusche und dann das Bett testen. Drei Stunden später Streckenbesichtigung mit dem Auto. Der Schock sitzt. Gleich nach der Startlinie geht es unaufhörlich hoch. Insgesamt 12 km bergan, mit zwei wirklich kurzen abfallenden Teilstücken. Schon im Auto sieht der Berg für mich Schwergewicht unbezwingbar aus. Die Strecke danach versöhnt auch nicht wirklich, denn die restlichen 16 km geht es bis auf eine gut zu fahrende Abfahrt immer auf und ab, mit weiteren giftigen Stichen. Die Zieleinfahrt ist dann ganz nach dem Geschmack von Kamikaze-Fahrern. Kilometerlanges Gefälle bis 150 Meter vor dem Ziel. Dann aus höchstem Tempo eine 90-Grad-Kurve nach rechts und die Ziellinie liegt vor einem. Der Schock musste verdaut werden, also auf zum Abendessen. Für 5 € wird ordentlich gespeist - Preise, die die Laune wieder heben. Am Abend fängt es an zu regnen, ein Ritual, welches uns an alle Tagen begleiten wird. Die erste Nacht im fremden Bett liegt vor uns. Ich versuche mit aller Kraft von meinem Europameistertitel zu träumen, denn das Sprichwort, "Der erste Traum im fremden Bett geht in Erfüllung" liegt wie Blei in meinem Gedächtnis. Am nächsten Morgen kann ich mich an derartige Traumsequenzen nicht erinnern - leider.
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Maximilian einen Tag vor seinem Start - der Dreck muss
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Die Tage vergingen. Zwischenzeitlich war die EM im Zeitfahren, bei der Reinhard Scheer, treuer Barnim-Cup-Teilnehmer, in seiner Altersklasse mit über einer Minute Vorsprung gewann. Während ich mich weigerte den Berg noch vor dem Rennen zu fahren, nahm ihn Maximilian zumindest einmal unter die Räder, aber leichter wurde er dadurch auch nicht. Am Sonnabend stand dann mein Start an. Auf dem Programm standen zwei Runden, d.h. auch zwei mal über den Berg. Die Nacht vor dem Rennen war schrecklich. Die Toilette war meine, beim siebten mal Wasserwegtragen habe ich aufgehört zu zählen. Der Puls war oben, an Schlaf kaum zu denken. Das Frühstück wollte auch nicht wirklich rutschen und so begnügte ich mich mit zwei kleinen Stullen mit Marmelade. Die Luft war drückend. An der Startlinie zeigte meine Pulsuhr 138 Schläge die Minute an und noch keine einzige Pedalumdrehung war gemacht. Start frei, das Rennen ging los. Ich suchte wie immer zu solchen Anlässen meine Pedale und als ich endlich eingeklickt war, musste ich mein erstes Loch flicken. Am Berg ging es besser als gedacht - zumindest bei der ersten Überfahrt ;-) An den folgenden kurzen Stichen hatte ich nie Probleme, die kennen wir ja zu genüge aus unsere Region. Erst als es in die Zieleinfahrt ging, verlor ich einige Meter in der Kurve und die anderen Frauen zeigten mir mal wieder, wie man diese richtig fährt. Auf der Zielgeraden ging ich dann aus dem Sattel und nach fünf, sechs harten Pedalumdrehungen war ich wieder an der Gruppe dran und der Berg rief ein zweites mal und eine Sportlerin fühlte sich berufen, die Gruppe zu sprengen. Mit hohem, aber noch machbarem Tempo ging es in die ersten Kilometer. Langsam und fast unmerklich wurde es schneller. Der Schweiß lief mir in die Augen und die Beine meldeten sich auch langsam. Dann die erste richtige Attacke. Mit über 35 km/h zog die spätere Siegerin am Horn. Doch noch konnten alle parieren. Luft holen. Der nächste Antritt von ihr. Die ersten Sportlerinnen bekamen Probleme und fielen zurück. Ich kämpfte um den Anschluss und es sollte noch einmal reichen. Das erste Teilstück war geschafft. Eine kurze Abfahrt, Zeit tief zu atmen und die Beine zu lockern, doch am nächsten Steilstück wurde der nächste Angriff gesetzt. Ich atmete schwer, hielt das Hinterrad meiner Vorderfrau, doch die musste reißen lassen. Ich ging vorbei, erreichte - wohl mit letzter Kraft - die Gruppe, die Attacke wurde verlängert und ich platzte. Aus der Traum vom Treppchen. Zu lang der Berg, zu hart die Antritte. Ich quälte mich die letzten Kilometer den Berg hinauf. In der Abfahrt schloss eine weitere Fahrerin zu mir auf. Dieses Schauspiel wiederholte sich an jedem Stich, d.h., ich ließ sie stehen und fuhr einen Vorsprung heraus und sie kämpfte sich in der den Abfahrten wieder heran. Am Ende stürzte sie sich mit einem Höllentempo in die Zielabfahrt und um die letzte Kurve und ließ mich mit meiner "Kurvenfahrangst" stehen. So blieb für mich der 6. Platz in einem Rennen, wo fast alle Starterinnen einzeln ankamen. Minuten vor uns wurde der Sieg in der Seniorenklasse 65-69 Jahre ausgefahren. Es gewann in einem sehenswerten Sprint erneut Reinhard Scheer, der an den Bergen zwar Probleme hatte, aber im Endkampf keine Konkurrenz zu fürchten hatte.
Maximilians großer Tag stand bevor. Sonntag um 8.30 Uhr fiel der Startschuss zu seinem Rennen. Das hieß, Frühstück um 6.00 Uhr. Obwohl ich kein Rennen zu fahren hatte, bekam ich, wie am Vortag, kaum was runter. Was dieses mal jedoch an der Uhrzeit lag. Der Startort für die Fahrer 70 Jahre+ lag außerhalb, d.h. in einem Ort hinter dem Berg. Anderthalb Runden mussten sie bewältigen und somit nur einmal den Anstieg hochkraxseln. Während Maximilian mit Rozanowske mit dem Auto zum Start fuhr, machte ich mich im Nebel und Nieselregen mit dem Rad auf den Weg. D.h., ich musste ein weiteres mal den Berg und den inneren Schweinehund bezwingen. Am Startort angekommen, sprang Maximilian schon wie ein Rumpelstilzchen herum und suchte nach einem Abzieher für den Kranz. Am Vortag hatte er noch, nachdem Scheer sagte, dass er 54/11 gespurtet ist, schnell den 12er runtergeschmissen und einen 11er raufgelegt. Nun, beim Warmfahren, hatte er gemerkt, dass das Ritzel locker ist. Die Schweizperlen standen ihm auf der Stirn als endlich Hilfe herbeieilte. Ausländische Mitkonkurrenten, die mit einem Wohnwagen angereist waren, "retteten" ihn. Der Startschuss fiel und erste Angriffe wurden lanciert. Ich machte mich auf den Rückweg, d.h., ich nahm den Berg von der anderen Seite. Oben angekommen standen mit Scheer und Brettschneider schon bekannte Gesichter an der Kuppe und lächelten mir zu. Erste Prognosen wurden abgeben. Neben den beiden Deutschen Pauli und Nesselhauf wurde noch ein Österreicher und Portugiese hoch gehandelt. Und so kam es dann auch. Mit Beginn des Anstiegs setzte sich Pauli an die Spitze des Feldes und forciert klammheimlich das Tempo. Nach und nach platzten Fahrer um Fahrer ab. Keine Attacken, nur permanent hohe Geschwindigkeit zermürbte die Konkurrenz. Noch 5 Mann waren beisammen. Die oben genannten vier Favoriten und Maximilian. Die Hälfte des Berges war geschafft. Im Kopf des Eberswalders machte sich Freude breit und das Tempo schien auch machbar. Dann ging Pauli aus der Führung und Nesselhauf übernahm. Das Tempo fiel zur Freude aller leicht ab, nur Pauli wollte sich mit der Situation nicht abfinden und übernahm erneut die Spitze. Er forcierte wieder und wieder und Maximilian merkte, wie die Erschöpfung in die Beine fuhr. Er sehnte sich die Kuppe herbei, doch sie war noch nicht einmal zu sehen. Er biss auf die Zähne, auf die Lippen, in die Finger, in den Arm - doch der Schmerz in den Beinen war und blieb 1000 mal stärker. Auf einen Schlag ging nichts mehr, er musste die vier Mann ziehen lassen und nicht nur die, auch die von hinten auflaufenden Zweiergrüppchen waren für den Moment zu schnell. Irgendwann nach der Abfahrt fing er sich und fuhr das Rennen alleine zu Ende. Vor ihm drei Mann auf Sicht, hinter ihm lange nichts. Die letzten Kilometer ließ er es nur noch rollen, der Kampfgeist war gebrochen. Enttäuscht von seiner Leistung zog er sich sofort zurück. Die Laune war am Tiefpunkt angekommen. Der 11. Platz war sicherlich nicht verdient, doch lange Berge fahren will auch gelernt sein. Nicht wenige haben bereits in den beiden Jahren zuvor in Tschechien Lehrgeld gezahlt. Viele kamen erst gar nicht wieder, andere fuhren mit einer anderen Taktik den Berg hinauf und überlebten zumindest. Auch wir haben jetzt endlich die Gewissheit, dass aus Eberswalder Flachlandeier nicht ohne weiteres Bergziegen werden. Mittlerweile sind die seelischen Wunden geleckt und wir fragen uns, warum eigentlich Europameister werden, wenn der Weltmeistertitel auf uns wartet ;-)
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